Trotz blutverdünnender Medikamente Zähne ziehen

Immer mehr ältere Menschen nehmen Medikamente zur Hemmung der Blutgerinnung, umgangssprachlich „Blutverdünner“ genannt .
26. Juni 2014
Trotz blutverdünnender Medikamente Zähne ziehen
Neue Studie analysiert Risiken und Komplikationen

Immer mehr ältere Menschen nehmen Medikamente zur Hemmung der Blutgerinnung, umgangssprachlich „Blutverdünner“ genannt – Tendenz steigend, heißt es in einer Presseinformation der Deutschen Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (DGMKG). Gerinnungshemmende Medikamente beugen bei Krankheiten wie Herzrhythmusstörungen, Vorhofflimmern, Thrombosen oder Embolien der Bildung von Blutgerinnseln vor oder lösen diese auf. Auch bei fortgeschrittener Arterienverkalkung (Arteriosklerose) werden sie verschrieben. Doch die medikamentöse Gerinnungshemmung erhöht das Risiko der Blutungsgefahr.

Aus Angst vor zur starken Blutungen oder Nachblutungen werden daher bei anstehenden Operationen Gerinnungshemmer entweder ganz abgesetzt oder für einen bestimmten Zeitraum eine überbrückende Therapie (Bridging), etwa mit Heparin-Spritzen, verordnet.  Eine neue Studie hat jetzt untersucht, ob das bei MKG-chirurgischen Eingriffen tatsächlich notwendig ist, oder erfahrene Chirurgen trotz Blutverdünner ohne größeres Risiko Zähne ziehen oder Implantate setzen können. Die erstaunlichen Studienergebnisse wurden jetzt erstmals im Rahmen des 64. Jahreskongresses der Deutschen Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (DGMKG) in Mainz vorgestellt.

Bei den Medikamenten unterscheiden Experten die sogenannten Antikoagulanzien (Vitamin-K-Antagonisten/Cumarine und Heparine), die mit unterschiedlichen Faktoren die Blutgerin-nungsfähigkeit hemmen, und die Thrombozytenaggregationshemmer (Plättchenhemmer), wie Acetylalicylsäure (ASS) und Clopidogrel, die über eine Funktionshemmung der Blutplättchen wirken, sodass sich diese nicht verklumpen können. Je nach Krankheitsbild nehmen Patienten den für ihren Befund geeigneten Gerinnungshemmer, mitunter ist auch eine Kombination der unterschiedlichen Präparate notwendig.

Die Studie der Universitätsmedizin Mainz hat umfassend mögliche Nachblutungskomplikationen bei Mund-Kiefer-Gesichts-Operationen mit den unterschiedlichsten Gerinnungshemmern analysiert und kommt zu dem Schluss, dass in den meisten Fällen das Absetzen der Gerinnungshemmer oder eine überbrückende Therapie gar nicht notwendig sind. Demnach könnten Patienten einfach wie gewohnt ihre Tabletten neh-men, ohne dass Arzt und Patient ein erhöhtes Risiko eingehen.

Studie belegt Unbedenklichkeit

Die Untersuchung berücksichtigte insgesamt 844 Patienten, die an der Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie der Universität Mainz zwischen 2009 und 2013 unter Einnahme blutgerinnungshemmender Medikamente operiert wurden. Davon nahmen 493 Personen ASS, 216 Vitamin-K-Antagonisten, 25 Clopidogrel, 13 Heparine, 14 Aggrenox, 15 NOAK (neue orale Antikoagulanzien) und 58 Kombinationen unterschiedlicher Gerinnungshemmer, davon 44 ASS und Clopidogrel. Die Operationen unterteilten die Fachärzte für Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie in kleinere (Ziehen von bis zu drei Zähnen und Implantate) und größere Eingriffe (mehr als drei Zähne, Zystenoperationen), Haut- und Gewebeeingriffe sowie größere MKG-chirurgische Eingriffe. In 60 Prozent der Fälle wurde die Medikation zur Operation nicht umgestellt, bei 21 Prozent abgesetzt, bei 17 Prozent komplett und bei 2 Prozent partiell umgestellt.

Die Ergebnisse: Bei 9,6 Prozent aller Patienten kam es während des Eingriffs zu Blutungskomplikationen, die in erfahrener MKG-chirurgischer Hand jedoch unbedenklich waren. Erstaunlich: Die Patienten mit überbrückender Therapie neigten mit 11,6 Prozent zu Komplikationen, die Patienten, die ihre gerinnungshemmenden Medikamente weiter einnahmen, lediglich mit 8 Prozent. Bei der Analyse der Nachblutungskomplikationen war die Rate der „gebridgten“ Patienten ebenfalls erheblich höher. Konkret: bei kleineren Eingriffen 4,3 versus 3,8 Prozent, bei größeren Eingriffen 22,8 versus 13,2 Prozent, bei Eingriffen an Haut und Gewebe 9,7 versus  4,5 Prozent. Lediglich bei großen MKG-chirurgischen Eingriffen näherte sich die Komplikationsrate an (8,6 versus 9 Prozent).

Fazit der Mainzer MKG-Chirurgen: Wann das Absetzen der Gerinnungshemmer oder eine überbrückende Therapie tatsächlich notwendig sind, sollte zurückhaltend und individuell auf den Patienten und die Krankengeschichte abgestimmt entschieden werden. In den meisten Fällen ist dies jedoch heutzutage nicht mehr notwendig. Überdies fanden sie bei der Untersuchung heraus, dass die erst jüngst eingesetzten NOAKs in puncto Blutungskomplikationen keine Vorteile gegenüber den anderen Gerinnungshemmern zeigten. Weitere Informationen gibt es unter www.patienteninfo-mkg.de.

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